Kutsch/Riemens


Der Schaljapin der Baritone

GEORGES BAKLANOW

Insgesamt war Baklanow der interessanteste unter den russischen Baritonen, und seine Erfolge im Ausland waren phänomenal.
Sergei Levik

Zu den Sängern des Übergangs gehörte der in St. Petersburg geborene Georges Baklanow (18.1.1882-6.12.1938). Nach dem Tod seiner Eltern in Kiew aufgewachsen, studierte er zunächst Jura, bevor er bei Martin August Petz in Kiew und danach bei Ippolit Petrowitsch Pryanischnikow mit dem Gesangsstudium begann, dass er bei Vittorio Vanzo in Mailand abschloss. Sein Debüt gab er 1903 in Kiew in der Titelpartie von Anton Rubinsteins DER DÄMON. Er sang zunächst für Zimins Oper am Bolschoi-Theater, an dem er 1906 in den Uraufführungen von Sergei Rachmaninows DER GEIZIGE RITTER und FRANCESCA DA RIMINI mitwirkte, dann ab 1907 in St. Petersburg. Zu Beginn war er, so Levik, “ein guter lyrischer Bariton, nicht mehr”. Nach einigen Jahren kamen Partien wie Boris, Méphistophélès und Nilakantha hinzu, ohne dass er auf Figaro, Rigoletto und Jago hätte verzichten müssen. Am 11. Juni 1910 debütierte er an der Londoner Covent Garden Opera als Rigoletto und überzeugte vier Tage später als Scarpia, den er “als kühlen, berechnenden und subtilen Intriganten” porträtierte. Diese Beobachtung entspricht der Leviks über die “sorgfältig ausgearbeiteten Intonationen” - im Gegensatz zu den derben naturalistischen Mitteln italienischer Sänger wie Carlo Galeffi und Taurino Parvis. In der Saison 1909/10 sang er an der von Henry Russell geleiteten Boston Opera Partien wie Barnaba, Amonasro, Rigoletto, Escamillo, Nilakantha, Valentin, Scarpia, Tonio und Jago. Er gastierte an der Pariser Oper, der Mailänder Scala und der Wiener Hofoper, ging nach Ausbruch des Krieges in sein Heimatland zurück, wurde eingezogen und an die österreichische Front geschickt. Ab 1917 amerikanischer Staatsbürger, hat er nach dem Krieg neun Spielzeiten lang an der Oper von Chicago gesungen, oft als Partner von Mary Garden - und damit in französischen Opern: den Vater in LOUISE, Guido in Henri Févriers MONNA VANNA, Golaud in PELLÉAS ET MÉLISANDE, Athanaël in THAÏS, Marc-Antoine in CLÉOPÂTRE (Massenet). Zu seinen grössten Erfolgen gehörten Boris Godunow und Wotan. Ab 1932 lebte er in Basel, wo er schon seit 1912 regelmässig gesungen hatte.
Aus einigen von Michael Scott zitierten Kritiken geht hervor, dass er ein glänzender Schauspieler und, wie Schaljapin, ein Meister der Maske war. Dies teilt sich auch in der sängerischen Darstellung mit: in der Dringlichkeit und Passioniertheit des sehr reichen Klangspiegels, der manchmal an Titta Ruffo denken lässt, vor allem die am harten Gaumen gebildeten Klänge. Es war eine dunkle, voluminöse Baritonstimme mit bassiger Farbe, aber einer sicheren Höhe bis zum ‘g’. Er agierte nicht oder nur selten mit histrionischen Mitteln - wie etwa im Rondo des Méphistophélès mit seinen übertriebenen Marcati und heftigen Klangfratzen -,sondern überwiegend mit vokalen Effekten. Dazu gehören - etwa im “Figlia”-Duett aus RIGOLETTO (mit Lydia Lipkowska) und in Renatos “Eri tu” - starke Rubati, Diminuendi und Filature. Diese Dehnungen auf Kosten des rhytmischen Flusses waren vermutlich dem Effekt geschuldet, der mit einer Platte erreicht werden sollte. Wahrscheinlich brauchte er für mehr rhythmische Disziplin einfach nur den Taktstock. Er gehört zu den wenigen, die dem Lied des Escamillo sowohl die Macho-Verve als auch die an Carmen gerichteten lockenden Töne zu geben verstand; auch in diesen Darstellungen sind die Dehnungen am Ende der Strophen ebenso übertrieben wie einige in Klanggesten übersetzte Torero-Posen. Von seiner Palette an schmeichelnden, verführerischen und insinuierenden Klängen macht er in der Serenade des Giovanni wie in “Voici des roses” (LA DAMNATION DE FAUST) Gebrauch. Zu seinen besten Platten gehören drei Ausschnitte aus Rubinsteins DER DÄMON: “Weine nicht, mein Kind”, “Ich bin der, dem du Aufmerksamkeit geschenkt hast” und “Ich schwöre beim ersten Tag der Schöpfung”. Ein phantasievoller Vokalist und ein eindrucksvoller Sänger-Darsteller. Im Vergleich dazu wirken heutige Darstellungen wie die von Anatoly Lochak in einem Mitschnitt von Wexford Festival unter Alexander Anissimow (Katalog: Marco Polo) und des tüchtigen Bassbaritons Egils Silins unter Vladimir Fedosejew (Katalog: Koch-Schwan) zaghafter oder darstellerisch mutloser: wie Miniatur-Porträts.