„Erinnerungen an das alte Stadttheater“

Basler National-Zeitung vom 30. September 1975

"Unvergesslich schön ..."
von Erika Becker-Frauscher

"Ich war im ersten Jahr meines Engagements und durfte schon mit zwei der Grössten am Gesangshimmel singen: Georges Baklanoff und Salvatore Salvati. Salvati (von der Scala in Mailand) sang den italienisch, Baklanoff den Mephisto französisch und ich die Margarethe in deutscher Sprache. Ich hatte den grossen russischen Sänger noch nie gesehen und ging vor Beginn der Vorstellung auf die Bühne. Da - mein Herz stand fast still - meinte ich plötzlich
den leibhaftigen Satan vor mir zu sehen:
Eine graue Riesengestalt mit blutleerem Gesicht und ebensolchen Händen in denen er das ominöse Schmuckkästchen hielt. Der Bann löste sich erst, als er in seinem Russisch-deutsch erklärte: Ich werrde Kästchen dorrt in die Ecke stellen!> In der Domszene stand er fast unkenntlich an der grauen Wand, wie eine Pfeilerfigur. Genial hatte er seinen grauen Mantel weit über den Sockel hinunterfallen lassen, so dass die ganze Überlänge gotischer Figuren vorgetäuscht war. Erschütternd war es, wie dann
seine herrlich mächtige Stimme ertönte,
um sein Opfer (ich als Margarethe) völlig zu vernichten.
Als Oskar Wälterlin die Mozartfestspiele in Basel einführte, waren es wieder Salvatore Salvati, der den Don Ottavio
so unvergesslich schön sang,
dass mir noch heute seine Kantilenen gegenwärtig sind - und Baklanoff, der den Don Giovanni so ganz anders gestaltete, als man es gewohnt war. Der grosse Mann zog die Frauen wirklich in seinen Bann. Sie kamen, angezogen von seiner Persönlichkeit, zu ihm. Und als Baklanoff den Dr. Mirakel in sang, war es wieder ein unerhörtes Erlebnis, wie er diesen Dämon gestaltete und sein Vernichtungswerk vollführte.
Wir übrigen Darsteller wurden wie zermalmt von ihm.
Baklanoff liess sich dann in Basel nieder, trotzdem er bei Berlin einen Besitz hatte - und zwar in einem Birkenhain, den er sehr schätzte, weil er ihm sein geliebtes Russland vortäuschte.
Als Baklanoff bei uns den Boris Godunow sang, durften die Chorknaben mit ihrem Dirigenten Gerspach bei der Sterbeszene zuschauen. Nachher packte einer der Buben Herrn Gerspach ganz entsetzt am Arm und fragte:
<Wer wird denn morgen den Boris singen?>
Er meinte, Baklanoff sei wirklich gestorben.
Die Darstellerin des Zarewitsch aber hatte so geweint, dass sich ihre ganze Schminke über sein Kleid ergossen hatte.
Im Frühling 1938 sang Baklanoff in Basel nochmals den Mephisto. Er war leider sehr herzleidend, und nur noch mit ärztlicher Hilfe konnte er die Vorstellung zu Ende singen. Er sass auf der Bühne, so oft er nur konnte. Ich sehe ihn heute noch, wie er sich hohnlachend auf die Bank setzte, als ihm sein Verführungswerk gelungen war. Helma Varnai sang ganz ausgezeichnet die Margarethe, Armin Weltner den Valentin.
Es war Baklanoffs letztes Auftreten. Im Dezember 1938 starb er. Gottfried Becker spielte ihm noch, auf Bitten seiner Gattin, am Totenlager die Hymne des alten Russlands, die Zarenhymne …"